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Heinz Peter Wallner

Der Managementberater, Buchautor und Vortragende schreibt hier zur Zukunft der Wirtschaft. Logbucheinträge: Design komplexer Veränderungsprozesse in Unternehmen, Bewusstseinsentwicklung und Corporate Sustainability.

X-mess – die nächste Gesellschaft bleibt ein X-mas Wunsch

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Blogparade im Vorfeld zu X-mess – “denkwerkstatt” – danke für die Einladung.

Blogparade Thesen zur naechsten Gesellschaft

Die beste aller Gesellschaften

Es ist wohl ein Traum der Menschen in Europa, endlich die beste aller Welten und ein Schlaraffenland des Glücks und des Reichtums zu schaffen. Und weil wir gerade das Internet zur neuen Lebensbühne erklären, werden doch wohl hoffentlich genau aus dieser Welt die noch fehlenden Bausteine herausfallen und unser unfertiges Puzzlebild vollenden. Allein mir fehlt der Glaube. Aus dem Idealbild der besten aller Welten wird zunehmend ein Zerrbild einer Gesellschaft, die einem ruhmlosen Ende ins Gesicht blickt und sich vom alten Traum langsam verabschieden muss. Dass in dieser Zeit die großen Konferenzfeiern und Räume der Kreativität eröffnet werden ist kein Wunder. In der Not wissen wir, ist uns jeder Strohhalm recht und der Teufel begnügt sich mit den uns ohnehin lästigen Fliegen. Die beste aller Gesellschaften wird es wohl nur in unseren Visionen geben. Vielleicht ist ja mit der „nächsten Gesellschaft“ gar nicht eine bessere gemeint, sondern einfach eine Gesellschaft, die sich von ihrem Größenwahn und ihrer Allmachtsphantasie verabschiedet hat und in neuer Demut vor der Welt, dem Leben und den neuen – anderswo auf dem Planeten – entstehenden Gesellschaften verneigt. Ob uns dabei aber gerade die Welt der Technik viel helfen wird?


Die Titanic sinkt in Panik ganz allanig …

In einem Europa, das einen Niedergang seiner gemeinsamen Währung dulden, das sich finanziell entschulden und früher oder später auf den wirtschaftlichen Resetknopf drücken wird müssen, wird sich eine „nächste Gesellschaft“ im positiven Sinne kaum entwickeln. Wahrscheinlich wird die „nächste Gesellschaft“ auf anderen Kontinenten entstehen. Jedenfalls sehe ich im Tanz mit den iPhones und dem Rest der digitalen Welt kein großes Rettungspotenzial. Wenn die Titanic sinkt, ist es unerheblich, ob ich im Social Web gut vernetzt bin. Aber, wie schon Falco erkannt hat, „wer sich retten tut, der hat zum Untergang kan Mut“.

Gibt es auch eine positive Seite?

Sicher. Meist beleuchte ich ja die hellere Seite. Ich glaube an eine Chance zur Weiterentwicklung in Europa. Beschrieben habe ich die hellere Seite so: „Europa wach auf! Wir haben das Wissen, wir haben die Menschen mit Herz, wir haben das Bewusstsein und jene Pioniere, die sich auf den Weg gemacht haben. Wir haben die Chance und können sie nutzen. Europa hat alle Schatten und Lichtseiten durchlebt. Warum sollte dieses Europa, nach all seinem Elend der letzten Jahrhunderte und nach all seinen Erfolgen der letzten Jahrzehnte nicht in der Lage sein, ein neues System zu gebären, das der Welt wieder eine Zukunft gibt? Europa ist längst schwanger. Wir wissen nur nicht, was da die Welt erblicken wird. Vielleicht ist es ja die Heiterkeit des Lebens, der keine Macht mehr entgegen steht.“  Nur eines glaube ich nicht. Ich glaube nicht an die Rettung durch Technik. Die Rettung liegt tiefer im Menschen, in seinem inneren Sein, in der Einsicht und Rückkehr zum Leben.

Das Pferderennen

Auch wenn die uns bevor stehenden Probleme und Umbrüche für uns wenig lustig sein werden, so sollten wir dennoch unsere besten Pferde an den Start schicken und ein Wettrennen um die besten Ideen beginnen. Und wenn es nur darauf ankommt, ein Pferd ins Ziel zu bringen, dann können wir auch den Anspruch, nur die besten ins Rennen zu schicken, vergessen. Auch jeder alte Ackergaul ist willkommen. Nur eines bitte brauchen wir nicht: Einen Maskenball. Der glatte Positivschmarrn der Win-Win-Strategien, die scheinbar kreativ-lebendigen Ansätze, die „nur noch kurz die Welt retten“ Parolen, das freundliche Lächeln jener, die auf der Gewinnerseite stehen, all das macht doch den wahren Prozess der Selbstfindung zunichte. Wir brauchen keine neue Technik, keine neumodernen Change-Prozesse, sondern Umkehr. Wir brauchen ein Erwachen der einzelnen Menschen und ein Erwachen des Kollektivs. Auf den Schattenkampf in dunklen Kellerschächten muss endlich das Licht der Erkenntnis fallen, dass es so nicht weiter gehen kann. Du musst Dein Leben ändern! (1, 2, 3).

Wie sich das auf Unternehmen und Organisation auswirken wird?

In einer Zeit des Umbruchs müssen sich Organisationen mit dem Wandel beschäftigen. Dabei spielen Trends und andere alten Gewohnheiten keine wichtige Rolle ein. Ich sehe nur in der Beschäftigung mit dem ganzheitlichen Weltbild wirklich Sinn. Welche Wirtschaft wird sich aus dem neuen, entstehenden ganzheitlichen Weltbild ableiten? Welche Bedürfnisse werden die Menschen haben? Werden sie noch „besitzen“ wollen? Besitz und „nicht-Nachhaltigkeit“ der Wirtschaft sind eng verbunden. Besitz folgt ja aus einem mechanistischen Denken, aus dem Bedürfnis nach Schutz, aus dem Wunsch nach Macht und Herrschaft. Wir müssen Besitz mit einer neuen, ganzheitlichen Bedeutung belegen. Besitz muss es den Menschen ermöglichen, an der Entwicklung der Welt teilzuhaben. Nur das „Haben-wollen“ als Motiv reicht nicht aus, es braucht ein „Werden-wollen“. Wenn Menschen etwas brauchen, dann eine Möglichkeit und Chance zur Entwicklung, zur eigenen und im Sinne eines Beitrags, zur Entwicklung der Welt. Unternehmen sind noch viel intensiver dem mechanistischen Denken unterworfen, als es die Menschen sonst sind. Alte Mächte verschanzen sich in den Kämmerchen der Aufsichtsräte und Vorstandsetagen besonders geschickt, scheint es mir. Gerade aber die Bedürfnisse der Menschen zur Entwicklung sind Quelle neuer Geschäftsideen, der Innovation und der Nachhaltigkeit.  Da sehe ich die Chance für die Unternehmen und Organisationen, eigentlich nur da.

Was heisst dann Führung?

Wie das Leben so spielt, haben Führungskräfte im letzten Jahrzehnt viel gelernt. Nichts davon – oder eben nur wenig – werden sie in Zukunft noch brauchen können. Was hilft es schon einer Führungskraft, die optimieren kann und alle Instrumente dazu beherrscht, wenn es nichts mehr zu optimieren gibt? Die Welt haben wir ja schon kaputtoptimiert und viele Unternehmen auch. Führungskräfte müssen sich intensiv wie nie zuvor mit dem Wandel beschäftigen (Führungsarbeit kann erfüllen und beflügeln oder Führungsarbeit ist eine Liebeserklärung an die Veränderung).

Mir scheint es aber besonders wichtig, die Organisation an sich für die Zukunft neu zu denken. Die gewinnorientierte Gesellschaft mit wenigen Eigentümervertretern und mit einer Heerschar an Arbeitskräften, wie wir sie heute vorfinden, wird in einer ganzheitlich orientierten Welt eher die Ausnahme sein. Wir brauchen wohl mehr Lebensfähigkeit in der Organisation und das Prinzip Selbstverantwortung muss ehrlich und ohne Masken gelebt werden. Vielleicht ist die Genossenschaft heute schon viel näher an einer guten Zukunft der Organisation als wir es annehmen würden.

An der Nachhaltigkeit kommt niemand vorbei

In einer ganzheitlichen Welt wird sich die Wirtschaft als „nachhaltige Wirtschaft“ ausprägen. Niemand also kommt an der Beschäftigung mit der Nachhaltigkeit vorbei. Das wird aber ein schwieriger Weg. Ist schon die Ganzheitlichkeit für viele ein No-Go, so wird die Nachhaltigkeit mit ihrem strengen Geruch nach Bioschweinefutter ein noch unangenehmerer Brocken. Heute können wir noch mit der CSR (Corporate Social Responsibility) – Maske spielen und so tun als ob. Morgen aber müssen wir alle in den grünen Saft eintauchen.

Das einzige Risiko liegt in der Ignoranz

Die größten Risiken gehen jene ein, die sich mit dem technischen Fortschritt beschäftigen und nach neuen Wachstumspotenzialen in ihrer alten Welt suchen. Wer den Status Nascendi, der neuen Welt nicht wahrnimmt oder gar ignoriert, der wird bald noch schlechter schlafen und sich die Fingernägel an der Hauswand abschleifen. Das andere Risiko ist das Risiko des Scheiterns insgesamt. Aber Europa ist nicht das einzige Pferd, das ins Rennen um eine neue Gesellschaft geht. Misserfolge sind ein Teil des Spiels. Ein Koffer sollte also immer gepackt sein.

Worauf wir uns vorbereiten müssen?

Es wird auch in Zukunft weniger wichtige und sehr wichtige Fragen geben. Eine der wichtigen Frage scheint mir folgende zu sein: Wie schaffen wir die „Ankunft im Endlichen“ in wirtschaftlicher Sicht und den Systemerhalt nach einer Währungsreform ohne in sozialen Unruhen zu ersticken und in gefährliche Nähe eines BürgerInnenkrieges zu kommen? Werden es nicht die neuen Medien sein, die jede Form der evolutiven Entwicklung durch Revolution mit Guerilla-Taktik unmöglich machen? Wie können wir ein System stabilisieren, in dem sich in fünf Minuten eine über Twitter organisierte Demonstrationswelle entwickeln kann? Eben, gar nicht. Und das ist auch gut so. Weil sich eine neue Gesellschaft daraus bilden wird. Diese neue Gesellschaft aber wird nicht die sein, die heute in den Köpfen der Visionäre erbaut wurde. Sie wird sehr stark von den Kräften der Selbstorganisation getrieben werden und leider wieder viel zerstören, was uns heute wertvoll ist. Auch werden wir die dunklen und die hellen Seiten der Macht erkennen können. Und ohne das Schwert der Jedi-Ritter wird es schwer werden für die helle Seite. Das Spiel ist also bald wieder eröffnet und die nächste Gesellschaft darf hoffen, bald eine Bühne zu bekommen.

Die Liebe zu den Menschen

Es gibt für mich nur einen guten Grund, warum wir heute über die „nächste Gesellschaft“ nachdenken sollten. Es ist die Liebe zu den Menschen, zu ihren Wahnwitzigkeiten, ihren Neurosen und Unzulänglichkeiten, aber auch zu ihren Missionen, ihren Freuden und ihren Meisterschaften. Mögen sie Fehler machen ohne es sich einzugestehen, viele von ihnen sind herzlichst bemüht. Vielleicht ist es wie in der Jedermann-Komödie von Hugo von Hoffmannsthal. Und am Ende wartet doch die Erlösung. Wer hat eine Idee? Vielleicht wird die nächste Arche von Affen gebaut. Wir müssten sie nur aus ihren Gefängnissen in Zoo und Zirkus rechtzeitig entlassen. Oder hat jemand eine bessere Idee? X-mess wird es zeigen.

Herzlich,
Ihr

Heinz Peter Wallner
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9 Kommentare zu X-mess – die nächste Gesellschaft bleibt ein X-mas Wunsch

  1. 25. Oktober 2011 at 15:52 | Permalink

    lieber Peter,

    sehr klar, sehr fordernd, sehr kritisch, sehr “den tatsachen ins auge blickend”
    vielen dank für diesen inspirierenden beitrag.

    sunshine!
    Jan

  2. 26. Oktober 2011 at 20:56 | Permalink

    Danke für den spannenden Essay – vollbepackt mit Themenkreisen, die am Puls der Zeit pochen!

  3. S. Wieder's GravatarS. Wieder
    26. Oktober 2011 at 23:04 | Permalink

    Habe ich sehr gerne gelesen – prima Denkanstöße, danke. Trotzdem: irgendwie würde ich mir ein paar positive(re) Anstöße wünschen für das hier und jetzt. Und wenn es nur ist um einen selbst aus der Denk-Lethargie zu wecken (ich weiß, klingt seltsam in einem Blog…aber die eigenen Ansprüche sind halt immer der Käfig in dem man sitzt)

  4. Gunter's GravatarGunter
    18. Dezember 2011 at 18:09 | Permalink

    Lieber Peter,

    Deiner Analyse (und dem bei Dir etwas ungewohnten bitteren zug um den Mund) kann ich nur zustimmen – nein, es ist nach meinem Gefühl sogar schlimmer. Beispiel Klimaverhandlungen in Durban: was politischerseits als Erfolg verlauft wird, ist in Wahrheit der Abschied vom (ohnedies sehr optimistischen) 2°-Ziel. Was das heißt, hat Schellnhuber klargemacht (http://www.zeit.de/2009/14/DOS-Schellnhuber) klargemacht. Insoferne muss Dein leicht anklingender Optimismus, dass es – wohl nach schweren Zeiten, aber doch – human (in jeder Hinsicht) weitergehen könnte, fragwürdig. Stellt sich dann nur die Frage: soll man die besten Pferde in ein aussichtsloses Rennen schicken, wie von Dir gefordert?

    Trotzdem: schöne Feiertage
    Gunter

  1. By on 29. Oktober 2011 at 19:23

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