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Befreiung aus der unterbeseelten Passivität durch die vier guten Begeisterungen

Lust auf einen modernisierten Platon nebst Gedankenpurzelbäumen? Bereiten Sie sich auf einen üppigen Text vor. Und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

train the eight - feuer der Begeisterung - kresse-wallner 2009

train the eight - Feuer der Begeisterung - kresse-wallner 2009

Wir Menschen wollen im Grunde das, was wir haben, nur darf es immer etwas mehr sein und der Weg der Beschaffung und die Nutzung unseres Besitzes möge ständig komfortabler werden. Zarathustras Attacke schon will den Menschen als elendes Geschöpf beschreiben, das keine Leidenschaften mehr in sich trägt und von schlechten Gewohnheiten besessen ist. Vielleicht ist das ja auch zum Teil ganz richtig. Wie viele Schattenhaltungen haben wir in uns kultiviert, die uns in schwere Trägheit versinken lassen und uns unter die Schwelle des Denkens absacken lassen?

Die Fernsehorgie, wo nach zwei Krimis noch fünf Serienteile Babylon 5 folgen, das Eindringen in uninteressante und unappetitliche Lebensgeschichten in stundenlanger Versunkenheit in bunten Magazinen, ja sogar die tägliche Lektüre der Tageszeitungen mit den immer gleichen Geschichten über visionslose Politik und eine orientierungslose Gesellschaft, das alles sind Beispiele unterbeseelter Passivitäten. Dies lässt sich auch in Unternehmen finden. Von Trägheit besessene Menschen verkörpern eine leidenschaftslose Unternehmenskultur. Getriebene Visionäre und Ideenträger versuchen dagegen anzukämpfen. In manchen Fällen natürlich auch mit gutem Erfolg.

Gibt es also für die Leidenschaftslosen – besser gesagt für jenes Segment in unserer seelischen Landschaft, das durch Leidenschaftslosigkeit ausgedörrt ist,  – einen Ausweg aus Trägheit und schlechten Gewohnheiten? Perfektion ist zwar nicht das Maß aller Dinge, aber wie Hannes Offenbacher immer sagt, „besser geht’s immer“ (Über die Bedeutung des Unbedeutsamen und über die Hochkultur des Mittelmaßes).

Ich selbst bin jedenfalls nicht bereit, alle meine liebgewonnen Schattenhaltungen der eigenen Entwicklung zu opfern, aber ein paar Anteile davon gebe ich gerne frei, um besser zu werden. Es macht auch Spaß sich am Unwahrscheinlichen (die Überwindung der eigenen Trägheit) zu orientieren.  Ist es nicht einen Versuch wert?

Wenn wir die schöpferische Energie in uns wieder zum Fließen bringen wollen, ist es zunächst wichtig, die Besatzungsmacht in unserem Inneren, die nur Trägheit ohne Wunsch zur Entwicklung machtvoll manifestiert, mit den eigenen Waffen zu besiegen. Trägheit ist eine Gewohnheit, die ausschließlich durch eine neue Gewohnheit überwunden werden kann.

Genauso wie wir träges Verhalten eingelernt haben, können wir dieses mentale Programm mit einer neuen Gewohnheit, die ein ständiges Trainieren zur Normalität erklärt, überschreiben.

Platons vier gute Begeisterungen sind ein Versuch, die Besessenheit positiv zu besetzen und in die göttliche Begeisterungen, die Enthusiasmen, über zu führen. Sie lauten: Das prophetische Wahrsagen, die Liebe der Götter, der von Musen befeuerte Wahn der Dichter und die Gott gegebene Heilkunst (Phaidros  – danke Rilke und Sloterdijk für die Inspiration aus „Du musst Dein Leben ändern“).  Wohl kaum hätte ich diese vier Begeisterungen hier angeführt, sähe ich nicht einen direkten Zusammenhang zum „Lernen in der liegenden Acht“, das ich jetzt übrigens „train the eight“ nenne.

train the eight - Begeisterung statt Besessenheit - Wallner 2009

train the eight - Begeisterung statt Besessenheit - Wallner 2009

Die Abbildung finden Sie auch auf Twitpic in voller Größe.

Die erste göttliche Begeisterung – das prophetische Wahrsagen – gleicht dem „Neuen Denken“ im ersten Quadranten der liegenden Acht. Wir machen uns das Bild einer attraktiven Zukunft (Geist – Neues Denken – der erste Quadrant). Im zweiten Quadranten (neue Haltung) findet sich „die Liebe der Götter“ wieder. Es ist die Herzensenergie, die uns erst zum Handeln enthemmen kann. Aus dieser Liebe entwickeln wir unsere neue Haltung, die uns von vielen Trägheiten und schlechten Gewohnheiten wirkungsvoll befreien kann (Herz – Neue Haltung – der zweite Quadrant).  Der dritte Quadrant – das neue Tun – beschreibt die dritte göttliche Begeisterung. Wie selbstverständlich steht der „von Musen befeuerte Wahn der Dichter“ für ein frisch beseeltes neues Tun, das unsere alten Gewohnheiten schrittweise zu ersetzen vermag. Mutig bewegen wir uns auf neuen Wegen. Entschlossen zu Versuch und Irrtum sammeln wir Erfahrungen in einer unentdeckten Welt (Bewegung – Neues Tun – dritter Quadrant).  Schlussendlich sehe ich den letzten, vierten Quadranten der liegenden Acht deckungsgleich mit der vierten göttlichen Begeisterung. Die Essenz unseres neuen Tuns finden wir in der „göttlichen Heilkunst“. Heilung erfahren wir nicht durch einmaliges Tun, sondern in der guten Wiederholung. Die göttliche Heilkunst weist uns den Weg zu einer Ethik, die sich an den Prinzipien der Evolution orientiert und das auszeichnet, was dem Leben und einer schöpferischen Ökologie dient. Auf Basis dieser Entscheidung gehen wir in die Wiederholungsschleifen und trainieren, was uns weiter nach „Oben“ bringt (Form – Neue Erkenntnis – vierter Quadrant).

Gemeinsames Interesse der Menschen für eine gute Zukunft in einem Unternehmen und in Gemeinschaften kann sich nur aus einem Bekenntnis zum kooperativen Trainieren heraus verwirklichen. Gute Gewohnheiten, die eine wiederholte ethische Entscheidung als Grundlage haben, müssen in der täglichen Übung gemeinsam erlernt werden. Das schließt konsequenter Weise mit ein, dass wir neben den Trägheiten auch jene Gewohnheiten, die zwar Erfolge brachten, die aber den ethischen Prämissen und den Grundprinzipien der Evolution widersprechen,  wieder verlernen müssen. Es braucht eine Deautomatisierung von jenen kulturellen Gewohnheiten, die uns zu dem machten, was wir heute sind: Die reichste Gesellschaft von der wir Kenntnis haben, die aus Überfluss und der steten Steigerung  eine eigene Orientierungsethik geboren hat und dabei vergaß, selbst Natur und Schöpfung zu sein.  Ein möglicher und einfacher Lösungsweg liegt  im „train the eight“. Machen wir Exzellenz in der Veränderung zu unserem Ziel.

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Autor: Heinz Peter Wallner

Ich bin Experte für Veränderung und Entscheidung. Seit über 15 Jahren wirke ich als Changeberater und Führungskräftetrainer. Meine Konzepte, Methoden und vor allem meine vielen praktischen Erfahrungen mit Unternehmen, Organisationen und deren Führungskräften biete ich als Vortragender und Sachbuchautor einer breiten Öffentlichkeit an. Viele namhafte Kunden vertrauen auf die Qualität meiner Leistung, von Industrieunternehmen, öffentliche Organisationen bis hin zu KMUs. Mein Motto lautet „Essenzen für mehr Lebendigkeit und Leadership“

1 Kommentar

  1. die drei lad ich zum nächsten business-sience-dinner ein: rainer maria rilke, hpwallner und peter sloterdijk – zwei gegenwartsphilosophen und ein smarter dichter, den nichts mehr drückt – was für eine superbe runde!
    danke für den wahrhaft üppigen text und grüße aus der dichterstube
    inetti

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