Permalink

6

Die Wirtschaft ist im Delta angekommen – alles fließt und staut zugleich

Nicht entscheidbar ist bis auf weiteres die Frage, ob die finale Figur im großen Ganzen eher dem Willen zur mittelfristigen Fortsetzung folgt oder der Neigung zum feuerwerksartigen Endverbrauch im Hier und Jetzt“. Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit, Suhrkamp 2014, Seite 485

Yin Yang Kugeln . Ganzheitlichkeit Kresse-Wallner 2009

Yin Yang Kugeln . Ganzheitlichkeit . Kresse-Wallner 2009

Immer, wenn ich ein Buch von Peter Sloterdijk lese, werde ich ein Stückchen mehr Bewunderer seiner Kunst des Denkens und Schreibens. So oft schon sind mir seine Werke zur Quelle der Inspiration geworden. So auch dieses Mal: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Ich maße es mir hier nicht an, eine Rezension des Buches zu schreiben, zumal mich bei vielen Passagen nur ein Hauch des Gefühls wahren Verstehens beschleicht. Ich nehme nur einige Anregungen mit und wechsle sogleich das Thema. Raus aus der großen Weltgeschichte und hinein in die Welt der Wirtschaft, in der ich mich besser zurecht finde.

Hierarchie oder Netzwerk, Management oder Leadership?

Wer heute als richtiger Revolutionär in Wirtschaftskreisen dastehen möchte, der tut gut daran, das Management zu kritisieren und dessen Ende zu beschwören. Besonders viel Resonanz finden jene, die gleichzeitig die Hierarchie durch dezentrale Netzwerkorganisationen ersetzen möchten und das Wort Komplexität in jedem zweiten Satz erwähnen. Sie tun so, als gäbe es diese Ideen nicht schon seit Jahrzehnten – so, als wüssten die Menschen das nicht schon längst – so, als wären sie gerade im Augenblick die Erfinder einer neuen Welt der Wirtschaft.

Persönlich aber kann ich der Kritik am Management und an der Hierarchie sehr viel abgewinnen. Bin doch auch ich einer von jenen, die mit den Bildern der Holons ganzheitliche, lebensfähige Strukturen darstellen und für mehr Lebendigkeit in den Unternehmen arbeiten. („Something that is simultaneously a whole and a part“, zum ersten Mal gesehen im Buch „The Gost in the Machine“ von Arthur Köstler, schon 1967 publiziert; Ken Wilber hat sich der Holons und der daraus entstehenden Holarchien intensiv angenommen).

Holons aus Inseln der Nachhaltigkeit

Abbildung aus: Inseln der Nachhaltigkeit, Seite 149

Das ist auch zugleich der Punkt. Zweifellos fehlt heute in der Wirtschaft sehr viel Menschlichkeit und Herz. Die Strukturen, die wir vorfinden und auch die Verhaltensweise vieler Führungskräfte sind ewig gestrig und kaum mehr geeignet, für die heutige, sehr komplexe Welt. Wir werden wohl kaum sehr falsch liegen, wenn wir ganzheitliches Denken, lebensfähige Strukturen und ein großes Stück Menschlichkeit in die Unternehmen bringen. Einzig mit dem damit fälschlicherweise oft verbundenen und extrem penetranten High-Performancekult habe ich meine Probleme.

Die komplexe Welt der Wirtschaft

Ich bin ebenso überzeugt, dass die komplexer werdende Welt auch Strukturen in Unternehmen verlangt, die Komplexität abbilden und bearbeiten können. So gesehen ist die Entwicklungsrichtung, die von den Revolutionären des Managements beschrieben wird, sehr zu begrüßen. Zu lange aber habe ich mich mit Veränderung und den Polaritäten dahinter befasst. Niemals kam es zu einer zukunftsfähigen Lösung, wenn der eine extreme Pol den anderen vernichtet und abgelöst hat. Ich glaube ausschließlich an die Kraft einer Lösung, die aus einem Syntheseprozess folgt. Dabei können wir die Kraft, die in beiden Polen steckt, für die gute neue Lösung nutzen. Es ist daher viel wichtiger darüber nachzudenken, was aus dem alten und dem neuen Management, dem Leadership (sofern das überhaupt ein wirklicher Gegenpol zum Management ist), synthetisch-iterativ hervorgehen kann. Ebenso scheint es mir spannender, die Vorteile der zentralen Struktur der Hierarchie mit den Vorteilen einer dezentralen, holistischen Struktur zu verbinden.

Die Natur als Lehrmeister

Ein kurzer Blick in die Natur kann das symbolisch unterstreichen. Die Hierarchie wird in der Natur durch Bäume repräsentiert. Es geht dabei um Herkunft, um die Bedeutung des Bestehenden, weil alles Neue durch den Stamm – die vertikale Linie – erst nach Oben gehoben wird. Weiter oben kann sich das Neue dann verzweigen. Die dominanten Linien der Herkunft aber bleiben immer bestehen und wichtig. Die Netzwerk-Organisation hingegen räumt mit den Vorstellungen der Herkunft gründlich auf. Jeder Gedanke an Herkunft, an die Bedeutung des schon Dagewesenen, an die Rechte und Mächte der Alten, werden den immer aktuellen, am Bedarf orientierten lateralen Beziehungen geopfert. Peter Sloterdijk verwendet in einem anderen Zusammenhang dafür den Begriff der Rhizome und beschreibt damit nicht-vertikale und dezentrale Wachstumsereignisse. Es sind die Netzwerkorganisationen also durchaus mit Rhizomen vergleichbar, mit horizontal wachsenden Verbindungen von allem mit allem. Ist es aber in der Natur so, dass die eine Struktur die andere braucht? Haben nicht erst die Rhizome den ersten Pflanzen geholfen, aus dem Meer zu entkommen und auf unwirtlichem Land Fuß zu fassen? Sind es nicht die Bäume, die vertikalen Strukturen, die unseren Planeten für andere Lebewesen erst belebbar gemacht haben? Rhizome und andere, vertikale Pflanzen, nutzen einander im dauernden Wechselspiel zwischen Kooperation und Konkurrenz.

Synthesedenken nicht vergessen

Wenn wir uns schon auf die moderne Welt der komplexen Systeme einlassen und die Erkenntnisse zur Rettung der Wirtschaft einsetzen wollen, sollten wir dann nicht das alte Entweder-oder-Denken ebenso über Bord werfen? Die Lösungen, nach denen heute immer mehr Menschen der Wirtschaft zu suchen beginnen, liegen sicher nicht am anderen Ende der Pollandschaft. Wir brauchen den Dialog, die Suche nach einer Synthese, damit wirklich etwas substanziell Neues auf die Welt kommen kann. Die Kritiker sind dabei natürlich wichtig, weil sie uns alle aus der Komfortzone holen und in den Dialog einladen.

Wir sind heute in Europa in einem Mündungsgebiet – im Delta – angekommen

Vollkommen unabhängig von deren Herkunft, deren wahrer Substanz oder gar Wirkungsevidenz darf jeder heute seine Theorien über eine bessere Wirtschaft von sich geben. Ob die Theorie einen großen Strom repräsentiert, oder ob sie ein kleines Bächlein, das unbeachtet am Rande plätschert, darstellt, rein oder kontaminiert, sie alle fließen zusammen im großem Mündungsgebiet unserer überforderten Wirtschaftsgegenwart. Vielleicht sind es die kleinen Bäche, die das Prinzip Hoffnung nähren. Im großen Delta aber verlieren sich die Unterschiede zwischen großen Flüssen und kleinen Nebenästen. Alles fließt und hört gleichzeitig auf zu fließen. Kurzum: „Alles fließt“ ist ein richtiger Ausspruch, weil in Wirklichkeit gleichzeitig auch alles steht.

Ich wünsche Ihnen frohe Festtage!

Herzlich,

Ihr Heinz Peter Wallner

Unterstützendes und vertiefendes Material (Präsentationen, Vidoes): Slideshare

#Leadership #Self-Leadership #Nachhaltigkeit #Change

Ich bitte Sie um eine Bewertung dieses Artikels

Bewertung 5 Sterne aus 12 Meinungen

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Pin on PinterestBuffer this pageEmail this to someone

Autor: Heinz Peter Wallner

Ich bin Experte für Veränderung und Entscheidung. Seit über 15 Jahren wirke ich als Changeberater und Führungskräftetrainer. Meine Konzepte, Methoden und vor allem meine vielen praktischen Erfahrungen mit Unternehmen, Organisationen und deren Führungskräften biete ich als Vortragender und Sachbuchautor einer breiten Öffentlichkeit an. Viele namhafte Kunden vertrauen auf die Qualität meiner Leistung, von Industrieunternehmen, öffentliche Organisationen bis hin zu KMUs. Sie führen ein Unternehmen? Sie sind Führungskraft? Sie sind verantwortlich für Personalentwicklung (human resources)? Ihr Unternehmen / Ihre Organisation / steht vor großen Veränderungen? Bitte kontaktieren Sie mich!

6 Kommentare

  1. Hallo Peter,

    wieder einmal Danke für diesen Artikel. Nicht nur die Inhalte an sich, sondern auch die Art und Weise, wie Du sie mir immer wieder anreichst, machen Deine Posts einzigartig.

    Ich wünsche Dir geruhsame Festtage im Kreise Deiner Lieben und einen guten Rusch ins neue Jahr.

    Ich freue mich auf unseren weiteren Ideen- und Gedankenaustausch.

    Beste Grüße,
    Conny

  2. Lieber Conny, es freut mich immer sehr, wenn Du vorbeischaust! Der Gedankenaustausch zwischen uns verläuft so leicht, so unauffällig, quasi im Hintergrund, wirkt aber sehr nachhaltig in mir. Mit Deiner „Reise des Verstehens“ gibst Du einen spannenden Kurs vor. So gut es mir möglich ist, folge ich Dir dabei mit großer Freude.

    Ebenso Dir und Deiner Familie ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr! Mögen uns unsere Gedanken verbinden und immer wieder neue Pfade eröffnen.
    Herzliche Grüße, danke,
    Peter

  3. Pingback: Die Wirtschaft ist im Delta angekommen – ...

  4. Lieber Heinz Peter,

    wieder so ein wunderbarer Artikel, der auszusprechen vermag, was ich schon seit einiger Zeit mit mir herumschleppe: das sowohl als auch der Hierarchien und Netzwerke.

    Dein Artikel passt auch wieder sehr gut auf dem Blog der Initiative Wirtschaftsdemokratie und ich würde mich daher sehr freuen, wenn Du ihn dort nochmals veröffentlichst 🙂

    Dabei fällt mir gerade auf, das Ihr beiden auch die beiden meist gelesenen Artikel auf dem Blog habt 🙂

    Viele Grüße
    Martin

  5. Pingback: Die Wirtschaft ist im Delta angekommen – alles fließt und staut zugleich

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.