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Kraft aus Visionen oder Kraft aus dem Jetzt? Einem Widerspruch auf der Spur

Kraft aus Visionen oder Kraft aus dem Jetzt? Einem Widerspruch auf der Spur
by Heinz Peter Wallner

Kraft aus Visionen oder Kraft aus dem Jetzt?

Eine progressive Gesinnung gehört zum guten Ton in der westlichen Welt und ganz besonders in der Businesswelt. Optimismus, Freude an der Zukunft, an allem was kommt, gelten als erstrebenswert. Warum aber brauchen wir ein „unbeirrbares Vorwärts“, eine starke Vision oder eine Berufung für ein gutes Leben? Sollten wir uns nicht eher auf die Gegenwart, auf das Jetzt, das Sein konzentrieren und den mentalen Lärm des Denken abstellen versuchen? Hier ein neuer Versuch, mich dem Thema „Kraft aus Visionen“ zu nähern.

Mit Visionen von Entdeckerruhm und Reichtümern haben die Expeditionsführer ihre Mannschaften psychisch auf Kurs gehalten  (Peter Sloterdijk)

Private Garden - Giacomo Costa: Foto eines Werkes des Künstlers. Es zeigt eine Fotomontage eines alten, verfallenen Gebäudekomplexes, der von der Natur wieder erobert wird.

Private Garden – Giacomo Costa

Foto: Werk von Giacomo Costa, Private Garden, fotografiert auf der 53. Biennale in Venedig, 2009

Begeisterung für Visionen

Immer schon waren Menschen von einer guten Vision, einem attraktiven Zukunftsbild stark angezogen und bereit, in der Gegenwart sehr viel dafür zu geben oder zu opfern. Die Heilsversprechen vieler Religionen sind da Beispiele. Wirklich faszinierend finde ich auch die Macht des Optimismuszaubers der großen Kapitäne der frühen Expeditionen.

Die Mannschaften auf den Entdeckerschiffen waren die ersten Objekte von naiven und wirkungsvollen Gruppenmodellierungsprozessen, die in der Gegenwart als „Corporate-Identity-Techniken“ neu beschrieben wurden“ … „Die gewaltigsten Kapitäne sind jene, die ihre Mannschaften am wirksamsten auf das reine Vorwärts einschwören, besonders dann, wenn es wie Wahnsinn anmutet, nicht umzukehren.  … Mit Visionen von Entdeckerruhm und Reichtümern haben die Expeditionsführer ihre Mannschaften psychisch auf Kurs gehalten“ (Peter Sloterdijk, Seite 129-130).

Kraft aus Visionen

Mir scheint es so, dass wir Menschen viel nicht erreichten, würden wir nicht aus Zukunftsvisionen unsere Kraft beziehen. Der Wunsch nach der Verwirklichung unserer Träume und Visionen erzeugt Energie in uns, die es uns ermöglicht, einen steilen und mühevollen Weg zu gehen. Wir streben also nach einem „Oben“ (Was ist das neue Oben?)  und sind ständig bemüht, uns zu verbessern und unser Leben zu ändern (Du musst Dein Leben ändern, Peter Sloterdijk). In meinem Beitrag: Wandel und das Gesetz der Anziehung – Versuch einer Ordnung der Dinge habe ich auch versucht, etwas Struktur „ins Wünschen“ zu bringen.

Die Lebenskraft, die wir aus dem Wünschen beziehen, ist wohl ein Grund, warum wir für unsere persönliche Entwicklung Visionen und Ziele formulieren und diese auf das Fundament der Berufung stellen wollen. Auch die Spur der großen Strategien und Ziele in den Unternehmen führt uns hierher. Einen Ausgangspunkt hat dieses Streben im  Wahn der Entdecker der frühen Expeditionen.

Das „Gesetz der Anziehung“

Die virale Verbreitung der Ideen um das „Gesetz der Anziehung“ und der damit einhergehenden Bücher und Videos (allen voran wahrscheinlich „The Secret“)  ist ein Bekenntnis der Menschen, sich im Geiste eine gute Zukunft, ein „Oben“, ein besseres Leben, eine andere Welt, eine bessere Zukunft vorstellen zu wollen. Es ist ein neues Glaubensbekenntnis.

Die Kraft der Gegenwart

Was aber ist den die Zukunft für uns Menschen? Niemand hat je in der Zukunft gelebt. Es ist uns Menschen nur gegeben in der Gegenwart – im Jetzt – im Augenblick – zu leben. Kraft können wir also nur aus dem Jetzt beziehen, niemals aus einer Zukunft, in der wir nicht leben. Zukunft ist ein Gedankenkonstrukt, eine Erfindung unseres Geistes. Eckhart Tolle sieht die Kraft für unser Leben ausschließlich in der Gegenwart, „in the now“. Wahre Erfüllung finden wir also nicht durch ein Bild der Zukunft, sondern durch eine hohe Präsenz im Hier und Jetzt.

Präsenz erreichen wir aber nur durch ein „Abstellen des Geistes“ indem wir uns über das Denken erheben und den „mentalen Lärm“ mindern. Nun aber verlangt ein kräftiges Zukunftsbild nach dem „Gesetz der Anziehung“ eine ständige Aktivität des Geistes, was uns zu einem fundamentalen Widerspruch der beiden Vorstellungen für ein erfülltes Leben führt.

Einer Aporie auf der Spur?

Vielleicht finden wir in diesem „scheinbaren“ Widerspruch eine Aporie und somit eine Spannung, die uns wirklich weiter bringen kann. Ein Sowohl-als-auch kann beide Ansätze verbinden.

Aporie zwischen Sein und Werden - train the eight: Abbildung der liegenden Acht mit den beiden Brennpunkten als Pole. Der eine Pol ist das SEIN, der andere Pol ist das WERDEN.

Aporie zwischen Sein und Werden – hpwallner

Aporie in der liegenden Acht (train the eight®) – Kraft aus Visionen (werden) vs Kraft aus dem Jetzt (sein)

Die liegende Acht kann mit ihren beiden Brennpunkten eine solche Spannung darstellen. In der Bewegung entlang der liegenden Acht wird die Spannung spürbar und gleichzeitig integriert, nicht aber aufgelöst. Mir scheint es wie eine Energiegewinnung aus der Kraft des aporetischen Widerspruches.

Eine weitere Auseinandersetzung mit der Frage Zukunft – Gegenwart – Vergangenheit gibt es hier: Von der Zukunft und der Vergangenheit her fühlen

Wo liegt mein Vorteil?

Ich muss mich in meiner persönlichen Entwicklung entlang der liegenden Acht nicht mehr für ein Lebenskonzept entscheiden. Es besteht kein Grund entweder nur auf „Zukunftsbilder des Geistes“ zu vertrauen oder das Glück nur in der „Präsenz im Augenblick“ zu suchen. Beide Ansätze kann ich für meine Entwicklung nutzen und noch weitere Kraft aus dem „einfachen Tun“, dem „Wasser holen und Holz hacken“ gewinnen. Auch das mir gut bekannte Grübeln und das „Infragestellen“ – auch Reflexion genannt – kann ich in meinen Entwicklungszyklus entlang der liegenden Acht einbauen und somit zur „ganzheitlichen Vollendung“ bringen. Alles, was eine gute Entwicklung dann noch braucht, ist die Konsequenz zur guten Wiederholung.

Ganzheitliche Entwicklung des Menschen - train the eight: Dargestellt ist der Geist-Herz-Bewegung-Form Zyklus entlang der liegenden Acht.

Ganzheitliche Entwicklung des Menschen – hpwallner

Ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der liegenden Acht (train the eight®)

Entwicklung ist mehr als ein Gedanke

Ich komme zum Schluss, dass ganzheitliche Entwicklung des Menschen mehr ist als ein Gedanke und mehr braucht als ein Zukunftsbild (GEIST). Die Konzentration auf das stete Werden reicht nicht aus. Was wären wir ohne das Sein, ohne die Kraft des erlebten Augenblicks (HERZ)? Und wenn wir schon dabei sind, warum sollten wir für ein gutes Leben und eine gute Entwicklung nicht auch ganz aktiv etwas tun? Mag der Glaube allein schon wirken, mein Tun wird mir nicht schaden (BEWEGUNG). Wenn auch stetes Grübeln wenig Nützliches mit sich bringt, so ist die gute Reflexion nach jedem Tun doch sehr lehrreich und hilft uns jene Muster, die es wert sind wiederholt zu werden, zu erkennen (FORM).

Der Geist-Herz-Bewegung-Form-Zyklus entlang der liegenden Acht (train the eight) hat mir einen Weg einer ganzheitlichen Entwicklung gezeigt, den ich nicht mehr missen möchte.

Herzlich,

Heinz Peter Wallner

 

Weitere Artikel zum Thema:

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Dr. Heinz Peter Wallner Learning to change! Dem Wandel begegnen, Komplexität meistern, auf höhere Ebenen kommen! Führungskräftetrainer, Strategie- und Changeberater, Buchautor, Vortragender, mit 25 Jahren Berufserfahrung. Leadership, Self -Leadership und Persönlichkeitsentwicklung, Umgang mit Veränderung und hoher Komplexität (VUCA Welt), Leading Change, Entscheidungsfindung und neue emotional-intuitive Führungskompetenzen für agile Führungsformen. Das ganzheitliche und kreative Design wird Sie überraschen. Web: www.hpwallner.com Takern I 109, 8321 St. Margarethen/Raab, Österreich Mobil: +43-664-8277375 Office: +43-664-8277376 Mail: wallner [at] trainthe8.com Office: office [at] trainthe8.com

4 Kommentare

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  2. Sehr geehrter Herr Wallner,

    Ich möchte Ihren Schlussfolgerungen zu diesem Artikel noch etwas ergänzen.

    Ich denke, dass der Mensch durch sein Bewusstsein per se ein zeitliches Wesen ist; sprich, er ist sich seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und seiner Zukunft bewusst . Das ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Aspekt von dem, was einen Menschen zum Menschen macht. Ausgehend von diesem Gedanken, braucht es für das „vollständige“ Mensch-Sein, das individuelle Sein in der Gegenwart als auch das Sein in der Zukunft – in den Visionen, in den Träumen. (Aufgrund des Titels betrachte ich in meinen Ausführungen die Aspekte der Vergangenheit nicht näher).

    Aus meiner Sicht gibt der nur im Jetzt-lebende Mensch das „bewusst in der Zukunft zu Gestaltende“ aus der Hand – er vernachlässigt das gestaltende Elemente der menschlichen Existenz. Der nur in Visionen-lebende Mensch führt ein gedachtes, geträumentes, nicht real existierendes Leben – er verliert den Boden unter den Füssen. Ich denke auch, dass sich diese beiden „Seins-Formen“ notwendigerweise ergänzen (müssen) und sich in keinster Weise ausschließen. Jede entweder/oder-Diskussion in diesem Zusammenhang ist vollkommen irreführend und zutiefst unsinnig.

    Für mein persönliches, konkretes Leben übersetzt heißt dieses in beiden „Seins-Formen“ zu sein, dass ich aus der Notwendigkeit, der Freude, der Lust dieses konkreten Momentes das tue, was ich gerade tue und ich gleizeitig mit diesem Tun das Gefühl habe, meiner Vision, meinem Lebenstraum damit näher zu kommen oder näher zu sein. Mit dieser Sichtweise bin ich im Jetzt, ziehe meine wesentliche Freude aus meinem aktuellen Tun (das auch eine Notwendigkeit sein kann) und lege gleichzeitig den Samen für eine für mich wünschenswerte Zukunft, ohne dass ich mich ausschließlich von dieser einen erhofften und wünschenswerten Zukunft abhängig mache.

    Ich lebe als und fühle mich als zeitliches Wesen, als Mensch 🙂

    Danke für die inspierenden Zeilen, Gernot Deutschmann

  3. Lieber Herr Deutschmann,
    danke für Ihren Kommentar und die wunderbaren, ergänzenden Gedanken. Ich bin ganz bei Ihnen, eine entweder-oder Diskussion bringt uns nicht weiter. Ganz gleich sehe ich den Wunsch nach dem Sowohl-als-auch, nach dem Verbinden. Es scheint mir um das „Sein“ und um das „Werden“ zu gehen. Aus dieser Spannung heraus generieren wir die Kraft für unsere persönliche Entwicklung, unsere personal Mastery.
    Besten Dank und herzliche Grüße,
    Heinz Peter Wallner

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